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Harry und sein Fahrrad

Eine weitere Woche auf dem Fahrrad und ich spüre langsam den Flow, die Routine, das ich die Wetterbedingungen akzeptieren und mich den Gegebenheiten anpassen kann. Die Reise wird langsam besser, aber gleichzeitig auch die Wahrnehmung und Begeisterung für alle vergangenen Erfahrungen, dank der Entscheidung, die ich Monate zuvor getroffen habe. Flüchtige Ideen von Freiheit, das Fahrrad und Ich.

Harry fährt vorbei an den Feldern von Dijon

An einem ganz normalen Tag während einer Pause mit schwarzen Wolken am Horizont, als der Sonnenuntergang einen Schub an Licht enthüllt und für einen starken Kontrast sorgt, der so lebhaft wirkt, dass es beinahe normal zu sein scheint. Aber nach einem trüben Tag wird dieser Lichtstrahl von mir als Freude empfunden. Ich muss wohl am richtigen Ort sein, denke ich mir, obwohl ich mich gerade eine Stunde lang in Dijon verfahren habe. Ein Silva Kompass hat mir geholfen, wieder auf den richtigen Pfad zu kommen.

Die Weite und Felder

Abfahrt von dem 5 Sterne Komfort des McDonalds, in dem ich WiFi benutzen konnte. Heftiger Regen setzt plötzlich ein.

Nahrung zu sich zu nehmen ist für das Meistern dieser Kilometer enorm wichtig. Meine Ernährung dreht sich momentan um Müsli, Kaffee, Croissants, Marmelade, Thunfisch, Couscous, Bananen und Ähnlichem. Es gibt leider keinen Kühlschrank an Bord. In dem Bild unten seht ihr ein kurzes Mittagessen im Regen, da es nichts gibt, woran ich das Fahrrad anlehnen kann. So sieht gutes ‚Feel Good‘ Essen aus.

 Tasche, Karte, Croissant und Marmelade

Ich nähere mich langsam der schweizer Grenze. Ich habe den ganzen Tag mit Anstiegen im Jura Gebirge gekämpft bis ich schließlich Mitten im Regen die Stadt Pontarlier erreichte. Ich bin erst seit wenigen Tagen wieder zurück auf dem Fahrrad, nachdem ich ein paar Tage Pause eingelegt habe, um  die Füße mal hochzulegen. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, einen Campingplatz anzusteuern, aber als der graue Abend einbrach, rechnete ich mit Regenschauern. Als ich um 21 Uhr in Pontalier einfuhr, hatte ich mir selbst keine Wahl gelassen. Glücklicherweise befand sich einer der Campingplätze auf der anderen Seite der Stadt. Bei Ankunft ging ich in den Gemeinschaftsraum, in dem eine große Gruppe von Jungen saß, die sich auf einer Tour befanden und denen ich mich später anschloss. Ich muss vielleicht in einem schlechten Zustand gewesen sein. Denn als sie mich sahen, begannen sie, mich aufzupäppeln. Sie riefen ihren Grill ins Leben zurück, um mich aufzuwärmen und versorgten mich mit Brot und einer Wassermelone. Ein Sechs-Mann-Team bereitete eine Tasse Kaffee für mich zu. Welch eine bezaubernde Erfahrung. Es waren alles Jungen, die eine schwere Vergangenheit hinter sich haben und sich mit so viel Wohlwollen um mich kümmerten. Später sahen wir uns in aller Ruhe die Weltmeisterschaft an.

Harry mit ein paar Leuten vor Ort bei der Routenplanung

Am nächsten Tag fuhr ich der schweizer Grenzen entgegen, was für ein Gefühl. Nordfrankreich war eine echte Herausforderung, obwohl ich denke, dass es erst die Aufwärmphase war. Ich wurde nicht kontrolliert, als ich durch das Tor fuhr, der Wärter hob lediglich seinen Daumen. Ich hatte es geschafft, das erste Land war durchquert, ich fühlte mich gut. Jetzt wird mir erst klar, dass die Währung unterschiedlich ist.

Road Toll booth image

Die Schweiz ist ein fahrradfreundliches Land mit großzügigen Wegen für Radfahrer, allerdings ist das Netzwerk nicht immer dafür ausgelegt, der Straße zu folgen. Ohne Karte habe ich mich daher oft ziemlich blind gefühlt. Während ich mich durchkämpfte, fand ich mich auf einem Fußgängerweg wieder, der in Richtung Neuchatel eine Schlucht hinunter führte. Auf den ersten Blick sah es nicht so schlimm aus, aber ungläubige Blicke von Fußgängern deuteten auf Schlimmeres hin. Ich kam mit einem älteren schweizer Ehepaar ins Gespräch, die mich für einen verrückten Engländer hielten und mir anboten, ein Foto von mir zu schießen. Sie versicherten mir, dass ein Abbiegen nach Rechts weiter vorne eine gute Entscheidung wäre.

Bewertung der Ausrüstung – auf meiner Reise habe ich mich für eine Gore Bike Wear AlpX-2.0 Jacke entschieden und es hat sich gelohnt. Ich war ein wenig nass um die Bündchen herum, aber wenn es den ganzen Tag lang regnet, rechne ich damit, zumindest ein wenig nass zu werden, was sich nicht erfüllte, denn dieser phänomenalen Jacke verdanke ich meinen guten Gesundheitszustand.

Für die Reise von Pontarlier nach Interlaken über Bern hatte ich 2 Tage angesetzt. Ich fror, als ich um 19 Uhr in Neuchatel ankam (halbe Strecke geschafft) und schaute zum Himmel und an meine nasses Zelt. Ich erwog, noch weitere 80 km zu fahren und entschloss mich schließlich dazu, mich für die Ziellinie bereit zu machen. Ich wusste, dass es hart werden würde, aber ich dachte, dass es das Wert sei. In 6 Stunden könnte ich bereits im Warmen sein, dachte ich. Sobald ich die Autobahn hinter mir gelassen hatte, startete ich auf der Durchfahrtsstraße Nr. 10 richtig durch. Die Kilometer schmolzen nur so dahin, aber mein Zustand verschlechterte sich zunehmend, ich war zu diesem Zeitpunkt wie besessen, aber auf diese Weise zu fahren ist eigentlich unerträglich. Ich wusste, dass ich alles aufs Spiel setzte. Meine hintere Exposure Blaze Leuchte gab langsam ihren Geist auf und ich ersetzte sie mit dem roten Blinklicht meiner Stirnlampe (petzl xp2). Die Reflex mk2 funktionierte gut und besonders auf unbeleuchteten Straßen und in Tunnels, in denen Wasser aus den Felswänden strömte, zeigte sie alles, was in ihr steckte. Ich überquerte eine einspurig befahrene Schlucht. In der Endphase waren beide Richtungen komplett dunkel und Halluzinationen nahmen überhand, ich zweifelte an meinen Verstand, was mich beinahe in den Wahnsinn trieb. Aber ich schaffte es. Am Ende meines Tunnels fand ich einen gut beleuchteten Empfangsbereich mit bequemen Bänken, auf denen ich nach einer Dusche bis zum nächsten Morgen durchschlief. 

Image of bike in apartment block

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Ver ena
Published on: 08 Mai 2015